belledejour
 

 
Donnerstag, 13. November 2003
Erster Akt

Das meine Nachbarn ungefähr zwanzig Minuten nach dem Ende von "Loriots 80. Geburtstag" angefangen haben zu poppen, sagt auch was aus. Ich weiß nur noch nicht was. Ok, zum einem sagt es mir, dass mein Sexleben eine verschrumpelte Kartoffel ist, die müde im dunkeln vor sich hinvegetiert. Das war auch mal anders. Aber da hatte ich auch keinen Lebensgefährten in Hamburg, der nie Zeit hat. Oder einen anderen Job, der mir mehr Zeit gibt. Im Moment sehen meine Abende immer so aus: Acht Uhr zu Hause, Tütensuppe oder Brot, Post lesen, Mails lesen, Blogs lesen, Fernseher anwerfen, Premiere durchzappen, ggf. DVD einwerfen, anschauen, ins Bett gehen, lesen, schlafen. Ärmlich für eine Frau in meinem Alter. Gut, ich bin nicht verheiratet, da hat man noch weniger Sex.

Ab und an geht mir mein Leben schon mal gehörig auf die Nerven. Sicher, jammern auf hohem Niveau. Aber Unzufriedenheit ist auch ein Motor, gerade für mich. Ich bin nur immer so schrecklich langsam. Es dauert ewig, bis ich aus einer Situation die mich nervt, die richtigen Konsequenzen ziehe. Ich habe eine halbtote Beziehungen ewig hinter mir hergezogen, auch wenn ich ihn mittlerweile mit seinem halben Fußballverein betrogen hatte. (War nicht nett, war zwar nicht der halbe, aber immerhin drei aus dem Laden). Die Leiche brauchte noch vier Monate, bis ich sie fachgerecht entsorgen konnte.
Mittlerweile kenne ich mich gut genug, um zu wissen, wie das bei mir abläuft. (Pro Akt ungefähr drei Wochen)

1. Akt: Unzufriedenheit bemerken
Vorher hat der Teufel die Kreditkarte und seine Helfershelfer die Schuhläden erfunden. Irgendwann ist aber auch mal gut und dann liegt man zu Hause und es ist einem peinlich die ganzen Schuhkartons im Altpapier im Hinterhof abzustellen, also macht man das Nachts, und während um halb zwei draussen über Fahrräder stolpert, fragt man sich, was man da eigentlich macht. Dann ist sie da, die Unzufriedenheit und läßt sich nicht mehr abschütteln. Und man sucht, woran es denn liegen könnte.

2. Akt: Grübeln
Die Gedankenschlange, die man hinter sich her zieht wird immer länger und dauernd latschen irgendwelche Idioten drauf ("Alles ok?" "Fick dich")

3. Zwischenspiel: Trinken und Ficken
Klappt vorzüglich. Wodka zur Hand, ernsthaftes Saufen mit dem Sexualpartner. Und wenn ich ernsthafte sage, dann meine ich ernsthaft. Kein verweichlichtes, verlegenes rumsitzen, sondern ein ernsthaftes gegenübersitzen, anstarren und saufen. Hab ich Finnland gelernt. Erzähle ich noch. Kurzfassung: Hinsetzten, Flasche leer trinken. Erst dann ficken. Aber auch nichts anderes. Keine leeren Problemgespräche. Keine Floskeln. Entweder Maul halten, oder trinken. Gegen Ende der Flasche schon mal anfangen sich auszuziehen. Letzter Schluck im Stehen bevor man poppt.

4. Akt: Kippen
Erst Gefühl von Leichtigkeit und Sieg. Dann: Böser moralischer Kater. Leichte Depression. Unzufriedenheit strikes back und Du merkst: No way out. Aber auch: Großes Schild mit einem Pfeil und der Schrift: "Schau mal da nach"

5. Akt: Trotz und Ärger
Geschaut, erkannt, blöd gefunden. Man sitzt da und brütet, bis einem das Adrenalin unter der Schädeldecke steht. Ich bekomme dann meistens Wutanfälle. Mittlerweile hat sich eine Erkenntnis durchgesetzt. Meist eine, die mir nicht gefällt. Das macht ich extrem wütend (Einzelkind, you know). Endet damit, dass ich irgendwas an die Wand werfe (ganze Weinglas Kollektionen hab ich so vernichtet). Ich tobe etwas rum, laufe wie ein Rumpelstilzchen auf und ab, schimpfe laut und bin unzurechnungsfähig. Dann weinen.

6. Akt: Erkenntnis
Jetzt geht es sehr, sehr schnell. Problem wird ausgemerzt. Radikal. In Problemfällen die eigene Psyche betreffend, wird der innere Schweinehund kaltblütig über den Haufen geschossen. Dann wird gehandelt. Wenn es andere Menschen sind, die mir Probleme machen: ... ok, mittlerweile hab ich gelernt, dass man auch noch mal miteinander reden kann. An meinem Entschluss ändert es leider wenig (remember? Einzelkind)

Ich bin offenbar gerade im ersten Akt. Das kann ja heiter werden.

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