belledejour
 

 

Ein Wochenende aus Glas. Endlose Gier aus der ich erst Sonntagmorgen wieder erwacht bin. Dazwischen:

Das Telefon.

Los, komm, tönt es, Grüner Tee macht auch Krebs. Auja. Ich werfe die Zeitungen in die Ecke. Kein Zeitvertreib mehr, kein papierner Schutzwall vor dem draußen, sondern nur noch Vergangenheit. Zeitungen sind schon geschehen, wenn sie gedruckt sind und in ihnen jammern Menschen über die Dinge, die sie oder andere verpasst haben. Will ich nicht. Ich will Gegenwart. Ich will das alles sofort. Ich will, dass alles gleichzeitig passiert, dass sich alles um mich dreht und ich nichts verpasse, dass alles in jede Pore dringt, jeden Nerv kitzelt, mich elektrisiert und ausfüllt, bis auch die letzte Zelle vor Wärme fast platzt. Erste Niederlage auf dem Weg: Die Lederhose passt nicht mehr. Zuviel All-Inclusive. Sie täte schon passen, aber dann würde mich der zwickende Bund und das Fett an was erinnern, was vor 14 Tagen war. Doch Rock. Auch gut. Hose ganz weit unten im Kleiderschrank versteckt. Vielleicht seh ich vor dem nächsten Herbst nicht mehr. Rest egal. Gesicht herstellen. L'eau d'Issey drauf. Fickwasser. Immer wenn ich das auflege, passiert was. Der Flacon hat drei Umzüge und einen hysterischen Badezimmerboardabräumanfall überlebt. Mehr L'eau d'Issey. Die Zigarette qualmt in der Seifenmulde und ich kichere leise.

Der erste Laden

Schnell schnelle Wodkas. Smirnoff ist Dreckszeug. Zuviel Wasser drin. Schmeckt selbst dann scheiße, wenn er eiskalt ist. K. reibt mir ihre kalten Finger im Nacken und klatscht mit der anderen Hand vor Lachen auf das Polster. Sie weiß, dass es ihr Gegenüber anmacht, wenn sie an einer anderen Frau rumspielt. Ich mag das nicht. Nicht so. Schiebe ihre Hand weg.
--Schnipp---
"Jaja, so ist das heute. Man kann sich kaum noch sicher sein in seinem Job. Scheiß Sozis. Machen alles kaputt." Nicke mechanisch. Der Typ ist selbst zum widersprechen zu langweilig. Muss Kraft sparen. Für später. K. greift in ihre Handtasche, zwinkert mir zu und steht auf. Ich folge ihr. Die Wixer haben die keine Toilettendeckel und die Spülkästen sind in der Wand. Eine sitzt, eine zieht auf den Knien von der Tasche. Danke an die Firma "Freitag" in der Schweiz. Leichte Speerspitzen im Kopf. Kann losgehen.

Taxi

Der Taxifahrer muss mit mir reden, weil K. und Kerl auf der Rückbank knutschen. Seiner Frau geht’s nicht gut.

Der zweite Laden

K. lässt Kerl stehen, weil ein anderer Kerl da. Erster Kerl sitzt neben mir und sagt, wie toll er K. findet. Woher ich denn K. kennen würde. Sag ich nicht, nachher macht er sich noch Hoffnungen. Er ist so ein Wicht. Anzug. Krawatte. Bitte. Krawatte geht gar nicht. Dann auch noch perfekt gedingst. Na. Gebunden. Ich starre auf seinen Knoten und denke "Wenn du den doch mal mental aufmachen würdest, dann ginge es dir bestimmt besser." Erschrecke mich. Seit wann denke ich nach Lieblingsdroge und Lieblingsalkohol so einen Schrott? Angst alt zu werden. Schicke Kerl Eins Nachschub holen, während ich K. mit Kerl zwei suche. Stehen an der Tür, die Köpfe verdächtig nah aneinander. Dränge mich dazwischen. K. stöhnt. "Mehr" sag ich. Das ist nicht das, was Du denkst, sagt sie, dass ist ein wenig gemischt. "Scheiße" sag ich. Und "Du blöde Kuh". Mein rechtes Fußgelenk zittert ein wenig. Ich muss die Schuhe los werden. Aber warm ist mir. Und nett das alles. Und Kerl Eins ist vielleicht ohne Krawatte auch nicht so doof.
---Schnipp----
Seine Eltern wohnen im Sauerland. Das weiß ich jetzt. Und mit Krawatte war doch besser, weil irgendwie Hühnerbrust.
---Schnipp---
Hand auf meinem Hintern. Denke es ist Kerl Eins. Ist es aber nicht. K. Kerl zwei ist weg. Warum auch immer. Wenn ich die Augen zumache und ganz schnell wieder auf, dann verschwimmen die Glasregale mit den Flaschen und verschieben sich. Das ist schlecht. Ich finde Symmetrie gerade ganz hervorragend. Achja, ich wollte ja mal sehen wegen dem L'eau d'Issey.
---Schnipp---
Ich zerre an K. rum, die ihren rechten Oberschenkel zwischen den Beinen von Kerl Eins geparkt hat. Vielleicht will sie ihn ja teilen?
---Schnipp---
Will sie nicht. Ich gehe.

Taxi

Redet nicht. Hört "The Cure". Bei einem Lied fällt mir Emily Dickinson ein.

Where I with thee
Wild Nights should be
Our luxury!

Futile - the Winds -
To a heart in port -
Done with the Compass -
Done with the Chart!

Blödsinn

Der letzte Laden

Es ist halb zwei. Ich bin gut dabei. Gelogen. Ich bin betrunken. Aber das klingt scheiße. Nach Kontrollverlust. Was nicht stimmt. Ich bin mittendrin. Mittendabei. Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet und ich genieße es. Wenn ich schwanke greift mir der rechte an die Hüfte und der linke an den Hintern. Möcht ich sehen, wie der da unten meinen Schwerpunkt retten will. Aber der Schwerpunkt steht auch nicht zur Disposition. Rechts oder Links ist die Frage. Beide auf gar keinen Fall. Nächste Frage: Wenn ich mich entschieden habe, will ich ihn dann mit nach Hause nehmen? Frage erübrigt sich. Links bin ich zu angetrunken, rechts ist verheiratet. Er zeigt mir seinen Ring und macht dabei ein Gesicht, als hätte er gerade einen Teller Maden vor sich. Ich weiß nicht, was er mir damit sagen will, oder ob das eine perfide Beleidigung ist. Es macht auf jeden Fall "Wusch" und dann...
---Schnipp---
Ich musste schnell aufs Klo. Ich musste gar nicht, aber ich musste schnell weg. Es ist drei, oder so. Ich sitze auf dem Klodeckel und rauche. Was mach ich hier eigentlich? Was hab ich den ganzen Abend gemacht? Wo lauf ich hin? Ich schüttle den Kopf und sage laut "Maaaannnn". Aber das will nicht weg, dass Gedankenmoos. Mit der Schuhspitze schubse ich eine tote Zigarette rum. Ich werd doch nicht moralisch werden? Ok. Zwei Tage nach so einem Frontalabsturz mit Ansage kann man moralisch werden. Dann kann man Bilder im Kopf flashen lassen, sich ein wenig schämen und sich sagen, dass man eine Schlampe ist. Nicht erwachsen, immer noch versucht der Mutter eins auszuwischen, obwohl die das schon nicht mehr interessiert, seit dem man 18 ist. Aber es macht doch Spaß, denke ich und lege meine Zigarette neben ihre tote Schwester.
---Schnipp---

Mein Bett

Genau das, was ich mir gedacht habe. Mein Hals ist die Sahel-Zone. Meine Zunge ein aufgeplatzter Käfer. Ich drehe mich auf die Seite. Auf dem kleinen Nachttisch liegt ein leeres Briefchen und verwirrt mich. Wenn ich gestern Nacht noch was gezogen hätte, warum.... ach hab ich ja nicht. Der Typ. Holger. Hat mich abgegriffen wie ein Stück reifes Obst und mir in seinem blöden flachen Audi zwischen die Beine gegriffen. Berührung machte nüchtern. Aber will ich den wirklich mitnehmen, dachte ich? Einen Audi Fahrer, der im Rückspiegel kontrolliert, ob die Augenbraun auch noch richtig sitzen? Ach, rauswerfen kannste ihn ja immer noch, meldete sich Madame Libido. Kaum hab ich seinen Schwanz in der Hand, wird er hektisch. Nenene, nicht so schnell, sagt er. Ich bin müde. Ich bin betrunken. Ich hab seit gefühlten zehn Jahren nicht mehr gevögelt und ich will jetzt ganz sicher nicht Tantra. Er will erst nochmal duschen. Das untersage ich ihm. Er windet sich. Mann, ich liege hier mit nur noch einem Slip an und du willst duschen? Er windet sich. Ich rieche an meiner Hand, kann aber nichts entdecken. Was ist? Er kommt zu schnell, er braucht erst Drogen, dann geht’s besser. Ich liege auf dem Bett, stütze meinen Kopf in meine Hand und sehe ihm zu, wie er nur in Unterhose vor meinen Nachttisch kniet und sich vorbereitet. Das ist hochgradig lächerlich. Ich aber auch, weil mein Kopf immer wieder von meiner Hand rutscht. Er sucht seine Hose. Dann seine Geldbörse. Dann einen passenden Geldschein, den er äußerst umständlich rollt und mich dabei angrinst. Dann beugt er sich leicht zitternd nach unten, zieht, kommt wieder hoch und lächelt mich wieder schleimig an. Nach dem Motto: Brav mein Mädchen, gleich bin ich bei dir. Ich bin kein Mädchen. Ich schmeiße ihn raus. Er ist stocksauer. Beschimpft mich. Ich sage ihm, dass ich keinen Kerl will, der sich erst voll pumpen müsste, damit er ficken kann. Er so: "Und was soll ich jetzt machen?" Ich so: "Such dir eine die schneller kommt." Habe gerade beschlossen, dass ich ihn hasse. Er ist beleidigt, schaut mich böse an. Für einen Moment denke ich, er will mir eine scheuern. Aber er sagt nichts mehr und geht. Wird das schon hell draußen?

Montag, 22. März 2004, 23:02, von anne | |comment

 
ah was, mach dir mal keinen kopf um den moralischen in ein zwei Tagen, den hatten wir alle schon und habens (mehr oder weniger) überlebt...
zumindest ist es dir erspart geblieben am nächsten morgen aufzuwachen und dich zu fragen was zur hölle da neben dir atmet...
mach weiter so anne!

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klar
don don, was du so alles erlebst...

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*gähn*

schonmal gehört den satz. es weiss doch jetzt jeder, dass so einige zu wissen meinen was sie da meinen.

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jaja langweilig.

zur info aber: lustige britische parallelität (hatte hier irgendwo dazu schonmal nen link hinterlassen), vgl. http://www.sixtus.net/entry/75_0_1_0_C/

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Hach
Belle, Sie sind einfach hinreissend!
Danke.

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Aha! Danke für den Link, Roland. Jetzt wissen wir also, was Don plant: Die Welt mit einer Kette von belledejour Blogs zu überziehen. In jedem Land eine andere Art des Blogs. In England die käufliche Dame, damit die dortigen Frauen wissen, was ihre Männer so treiben.

Demnächst dann sicher auch:
Die Nahost Belle: Israelisches Mädchen schläft mit Palästinenser aus der Al-Aksa Brigade. Auf der Halbinsel Sinai nehmen sie gemeinsam Drogen.

Die Japan Belle: Ami Mädel mit einem Hang zu getragenen Unterhosen von Männern, die als Automatenessennachfüllerin arbeitet.

Die Australien Belle: Fickt nicht und findet Bier trinken doof und läuft schon mal nackt mit einem Aboriginie durch die Wüste.

Die USA Belle: Theaterschauspielerin, die Karten legt und Selbstbefriedigungstechniken entwickelt und 200 kg wiegt

Die Ukraine Belle: Arbeitet als Edelnutte und fliegt immer zwischen Kiew und Berlin hin und her.

Alle werden berühmt in ihrem Land, die Tagebücher erscheinen als Buch, er macht einen Internet-Merchendising Shop auf und wird so ungelaublich reich. Dann heiratet er die echte belle aus Berlin, die ihm als Vorlage für die anderen Blogs gedient hat, zeugt drei Kinder und wohnt neben Botho Strauß in der Uckermark.

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Boahh Frau Belle
das hört sich alles so furchtbar stressig an. Aber, wem's gefällt...

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@Supermulti
Revolution in allen Ehren, aber nur Frauen halten ihre imaginären Figurprobleme für so weltbewegend, dass sie damit jedem auf den Sack gehen müssen.
Ich fürchte Don traut sich nicht mehr zu schreiben. Der war auch nicht so verspannt. Seufz.

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während dem lesen
hatte ich fast das gefühl, als würde ich in meine erinnerungen eintauchen. vor allem den teil mit den fehlenden klodeckeln. ich fand das immer total rücksichtslos und ignorant:)

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schneller kommen
so wie das leben immer schneller wird, so altern wir in gleicher weise. dass diese eskapaden nebst lieblingsdroge ein tantra oder gar das fühlen von zehn jahren nichtvögeln fördern ist schwerlich nachvollziehbar. die nähe zu den gefühlen des jetztmenschen hebt diese geschichte(n) in den rang der literatur. mama! ich habe deine zeilen gelesen und mich an unser treffen vor dargelegtem nachtgehen erinnert.

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