belledejour
 

 
Sonntag, 8. Februar 2004

Das Lachen dröhnt in meinen Ohren. So viele lustige Menschen, so viel List um mich herum. Vielleicht liegt es an mir und meiner Wahrnehmung, aber die 30somethings Singles nehme ich nur als eine Bande von Hormonen wahr. Letzlich geht es nur um die Frage: "Willst Du mit mir ficken, wenn ja, wie lang?" Gesteigert von der Frage: "Wenn wir lange genug miteinander ficken, haben wir dann Kinder?"

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich, was das Ficken angeht, am Ende einer Beziehung oft gelangweilt war. Man testet seine Grenzen aus, stellt fest, dass man beim Partner an einem Ende angelangt ist, und von da aus bewegt man sich nicht weiter. Also macht man das, was man halt macht: man vögelt, man macht die Dinge, die am Anfang noch neu waren, und endet da, wo alle enden: In der Wiederholung. Und dabei ist es egal, ob man sich dabei in der Missionarsstellunf durchs Bett wühlt oder Fleischerhaken unter die Haut rammt, damit man unter der Decke hängt. Irgendwann wird alles langweilig. Jeder Schwanz ist eben nur so lang, wie er sich anfühlt.
Was einem letzlich nur hilft ist die Flucht nach vorne. Nach der neuen Haut. Nach dem neuem Geschmack. Nach der Lust einer neuen Berührung. Weil die alte schal war, und die Finger auf der Brust sich einen Tick anders anfühlen, als das was man kennt. Sexuelle Coca Cola Light. Emotionale Derivate. Slave to the rhythm. Denn letztlich bleibt das rein und raus immer gleich, nur die Finger, die den Ton angeben, ändern sich.
Deswegen ist die Suche mancher 30somethings so ekelhaft. Sie suchen nur die ewige Wiederholung, im schlimmsten Fall die Wiederkehr von etwas, das sie schon mal hatten. Irgendwann war da mal der Mann, oder die Frau, die sie so ihren tiefsten Inneren befriedigt haben, dass sie danach nur noch nach einem Klon suchen. Soll mich genauso befriedigen, aber vielleicht nicht so ein Arsch sein. Da unterscheiden sich Frau und Mann nicht wirklich. Das sexuelle perpetuum mobile. Die sexuellen Grenzen, die Wasserscheiden der Lust sind gezogen. Irgendwann hat man denjenigen im Bett gehabt, mit dem man an den Grenzen des Wahnsinns war. Irgendwann sagt der Mann neben einem, dass er eben das Gefühl gehabt hat, dass ihm der Brustkorb in tausend Sternen explodiert sei und man denkt schlummernd: "Jau, schon"
Aber leider hat der Typ ein paar Macken. Nicht, dass er zu viel trinkt. Zuviel trinken ist ok. Da war dieser Theatermensch in meinem Leben. Damals hab ich für die Filmförderung gearbeitet, und der Mann war uns als Genie empfohlen. Einsneunziggroß, Figur eines biertrinkendes Wikingers. Ein Berg von einem Mann, der einen bedeckt hat, wenn er auf einem lag. Wie eine warme Decke, die jeden Quadratzentimeter des Lebens bedeckte. Er war meist betrunken. Und wenn er betrunken war, dann war entweder genial und geil oder weinerlich. Aber wenn er mit mir schlief, dann hatte ich das Gefühl, dass ich, wenn wir 80 wären, unsere Hand halten würden, und ohne eine Miene zu verziehen innerlich lachen würden, über das, was da um uns herum passieren würde. Hat ich danach nicht mehr. Danach bin ich auf die Suche gegangen. Nach mehr, nach Extremen, nach mehr Lust oder mehr Schmerz. Wenn man die Perfektion zwischen seinen Beinen und dem eigenen Kopf hatte, ist alles danach nur noch die scheinbare Suche nach der Annährung dessen, was man hatte.
Aber das ist billig. Das ist einfach. Das ist so, als ob man immer nur gleiche Mahlzeit zu sich nehmen würde, nur weil sie einmal den Horizont erweitert hat. So geht das nicht. Genauso, wie man die vermeintliche Unendlichkeit der Lust kennen gelernt hat, muss man lernen, dass man diese Unendlichkeit loslassen muss, um was Neues auf die Welt bringen zu können. Der andere war geil, aber er ist weg.
Aber viele 30somethings machen das eben anders. Sie glauben zu wissen, das ultimativer Sex einen nicht weiter bringt, weil die Suche nach Grenzen einen in einem Moment führt, an dem man sich entscheiden muss. Entweder entscheidet man sich für die Suche nach noch mehr Lust, nach noch mehr Grenzen, oder man läßt die Grenzen so stehen wie sie sind. Und findet sich damit ab. Und so suchen die meisten nur eine Entsprechung ihrer Grenzen. Gerade Männer. Die hoffen, dass sie immer einen Schritt weiter sind, als die Partnerin. Das sie immer noch eine Perversität in der Hinterhand haben, die sie nicht ausspielen müssen, damit sie ihre Mastrubationsphantasie nicht ändern müssen. Meiner Meinung nach die Triebfeder für jedes, sogenanntes, Fremdgehen. "Sie will ja nicht Anal". "Sie mag ja keinen NS". Und - hallo wie einfach - hat "mann" eine Grund sich nach einer anderen umzusehen.
Aber was wenn die Frau dann mal sagt: "Jo, mach mal. Geil" Es ist erstaunlich, wie schnell man "Männer" mit sowas in die Knie zwingen kann. Vielleicht liegt es an der sexuellen Vorbildung mancher Männer, die offenbar aus dem Internet stammt. Da ist es ja leicht dem bezahlten Mädel Anweisungen zu geben, aber was ist, wenn sie vor einem liegt? Naja, nichts. Ich habs ausprobiert. Ich hab mich hingelegt und gesagt: "Just what you want" und nix passierte, obwohl vorher die Schnauze so voll war.

Da merkt man eben, dass leichter ist, dass Herzblut nicht zu verschütten, dass man mit gebremsten Schaum unterwegs ist. Und eben um die Konsequenz einen großen Bogen macht. Lieber an die Erinnerung des Moralfaschismus glauben, als einen Schritt weiter zu machen. Dem Glasregen ausweichen, das Gaspedal eben nicht nach unten drücken. Dann lieber mit der Erinnerung an bessere Zeiten ficken, das Gesicht vertauschen, den die Tränen sind ja schon fest geworden und keine Experimente.
Dacht ich mir heute so, auf der Party, und hab mir an die eigene Nase gefasst.

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Mittwoch, 4. Februar 2004
Ein wirklich geiles Gefühl

Absolut im Blut. Die Hände zwischen den Beinen. Nichts machen, weil man weiß, dass was besseres kommt.

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Dienstag, 3. Februar 2004

"Du mußt auch mal an Kinder denken". Kein Satz den man Sonntagmorgen hören will, nachdem man gerade wach geworden ist und einen Geschmack auf der Zunge hat, als ob man die halbe Nacht einen alten Joghurt gelutscht hat. "Ja, Mama" höre ich sagen, den Kopf wieder aufs Kissen werfend und die Litanei abwartend, die folgen wird. Ich zappe durch Premiere, bleibe bei diesem irren Australier hängen, der aussieht wie ein zu großes Kind und gerade dabei ist, eine Klapperschlange aus ihrer Behausung heraus zu ziehen. Genauso wie diese Schlange fühle ich mich gerade, nur dass meine Mutter nicht weiß, welches Risiko sie da gerade eingeht.

Ich hab nix gegen Kinder. Ich finde sie lieb, putzig, nett, freundlich, unverdorben, lustig und wertvoll. Ich weiß nur, dass ich keine will. Und zwar aus einem einzigen Grund: Sie sind zu laut. Solange sie still und nett rumsitzen und in der Lage sind, sich selbst zu beschäftigen - wundervoll. Ich gehe gerne mit ihnen in den Zoo und freu mich, wenn sie große Augen bei den Löwen machen und kreischen, wenn die Seelöwen rumplantschen. Aber wenn ein Kind schreiend durch die Wohnung läuft, jammert, quengelig und missgelaunt ist, dann fällt meine Toleranzschwelle mit Lichtgeschwindigkeit. Ich neige dann gedanklich dazu einen Bondage-Shop für Eltern aufzumachen. Mit kleinen Gagballs, kurzen Seilen und sowas. Oder frage mich, warum es noch keinen Architekten gibt, der für jedes Haus einen hübschen, hellen, schalldichten, gepolsterten Raum entwirft. Ich schäme mich dann auch immer sofort dafür, und tröste mich mit dem Gedanken, dass mein Becken eh zu schmal ist.

Ich habe Freundinnen, die sind Mütter. Sobald Kind I bis III auf der Welt war, entwickelten sie sich von einer kurznervigen Karrieretussi, die jeden Kellner zur Sau gemacht hat, wenn das Brot auch nur einen Tick zu hart war, die manische Ordnung in ihrer Wohnung gehalten haben, zu einem Menschen, dessen Nervensystem offenbar abgeschaltet wurde. Wenn KevinTorbenPhilippSaskiaMarlene gerade dabei sind sich mit der DVD Sammlung zu bewerfen, sagen sie "Hey, laßt das. Sonst räumt ihr alles auf" und sortieren weiter in aller Ruhe die Buntwäsche. Fünf Minuten später reißen sie hektisch die Fenster auf, weil irgendein Kind den Gasbackofen ohne Feuer angemacht hat, während sie gleichzeitig versuchen ein weiteres Kind davon abzuhalten mit dem Tranchiermesser Fechtübungen zu veranstalten. Alle Kinder, die ich bisher aus der Nähe erleben konnte, waren kleine, kreischende Zeitbomben für meine Nerven.

Wenn ich in Bücher lese, in denen ältere Herrschaften berichten, wie es bei denen so zu Hause zu gegangen ist, dann frage ich mich immer mal gerne: War das früher anders mit der Erziehung? Wenn ja, waren die Kinder dann ruhiger? Wenn ja, warum macht man das nicht mehr so? Gut, zwei Weltkriege lassen an den damaligen Erziehungsmethoden gewisse Zweifel reifen.
Würde ich vielleicht ein Kind haben wollen, wenn es still, ruhig, nett ist und nur ab und zu vor Freude jauchzt, wenn ich eine neue Barbie mit gebracht habe, mit dem es sich für die nächsten vier Stunden in sein Zimmer zurück zieht? Das wäre ja nun auch nicht das wahre. Dann hat man am Ende eine altkluge Tochter die Nonne werden will, und man fragt sich, wie das nun wieder passieren konnte. Ich glaube, ich verbiete meiner Mutter einfach dieses Thema noch mal anzusprechen. Dann erspar ich mir nachdenkliche Sonntage, die dann damit enden, dass ich mir beim Superbowl (Yeah - Patriots!) einen Kübel Häagen-Dazs reinschaufel.

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Freitag, 30. Januar 2004

Kann man guten Sex haben, wenn man betrunken war? Aber hallo, kann man das. Es kommt am Ende ja nur darauf an, an was man sich erinnert, was man selber geil fand. Es gibt so Momente, da kann der Kerl sich noch so über mir anstrengen, oder noch so mit letzter Kraft seinen Kopf zwischen meinen Beinen einsetzen. Wenn ich betrunken UND müde bin, kann er das vergessen. Wenn ich betrunken, aber noch nicht völlig müde bin, kann es nett sein, solange er nicht "Antje, das Walross" zwischen meinen Beinen spielt und, vulgo versucht, den Beckenrand zu erklimmen. Ich gebe zu, das dass extrem von meiner Laune abhängt, wie ich das bewerte. Aber bitte, ich bin nicht die Stiftung Warentest.

Ich hatte extrem geilen Sex, wenn ich betrunken war. Meistens immer dann, wenn der Mensch in meinem Bett etwas getan hat, mit dem ich absolut nicht gerechnet habe. Manchmal war es nur die Nummer, dass er weiter aus sich heraus gegangen ist, als ich es jemals für möglich gehalten habe. Wie der eine, der plötzlich wollte, dass ich mich auf sein Gesicht setze, bis er rot im Gesicht wurde. Hatte ich vorher noch nie gemacht, war plötzlich da und erweckte mein Interesse. Hätte er mich danach gefragt, als ich noch nüchtern war, hätte ich ihn rausgeworfen. So aber fand ich die plötzliche Manifestation von Macht und Lust einfach nur geil. Das war so ein Moment, den ich weiter getragen habe. Ich hab ihn in mein Herz geschlossen (den Moment, nicht den Kerl) und wenn ich gut drauf bin, dann will ich ihn rekapitulieren. Ich hab den Moment der Lust in meinem Herzen eingefroren, und ich bin froh, wenn ich ihn wieder auftauen darf. Das gilt nicht nur für diesen Moment. Da gab es einige Momente im Bett, die so waren, die mich innerhalb von Sekundenbruchteilen weiter katapultiert haben, als es 20 Jahren einfacher Sex vermögen könnte. Evolutionsbiologen mögen das als "crucial moment" einer Spezies definieren. Für mich waren es "crucial moments" meines Sexuallebens. Genauso wie die erste Penetration, eröffneten sich in anderen Momenten plötzlich Horizonte, denen man vorher nicht gewahr war. Und ja, da war häufig Alkohol oder andere Drogen im Spiel. Ohne sie hätte ich manche Dinge nie gewagt. Und Literatur im übrigen auch. Es gibt da einen Roman von Harold Robbins, wo eine Frau einem Schwarzen einen bläst, nicht ohne seinen Schwanz vorher ordentlich mit Koks zu bestäuben. Ich hab mich immer gefragt: "Worum geht’s der Frau eigentlich? Dem Nigger einen zu blasen, oder dass Koks auf nette Weise zu bekommen, um den eigenen Kick zu bekommen?" Ich hab’s dann irgendwann mal ausprobiert und - sorry Jungs - es ging mir ums Koks und um die Erfüllung eines literarischen Traumes. Und bevor jemand fragt: Ja, Schwarze haben oft den größeren Schwanz, aber sie wissen genauso oft nix damit anzufangen. Aber das Thema vertief ich jetzt nicht, nach fast zwei Flaschen Wein.
Wo war ich - ach ja - Sex und Alk. Manchmal wäre ich froh gewesen, wenn ich betrunken gewesen wäre. Manchmal hätte ich gar nicht so schnell und soviel trinken können, um das Elend zu beenden. Sicher, persönliche Meinung. Manch meiner Liebhaber, die ich am liebsten während des Aktes von mir gestoßen hätte, haben anderen Frauen ekstatische Genüsse bereitet. Kommt halt nur auf die Herausforderung an.
Und die Herausforderung sind häufig nur die eigenen Träume. Das, was sich zwischen den Händen und meinen Beine abspielt wird plötzlich Wahrheit. In einem Moment vollkommener Wahrheit fließen die Dinge plötzlich wie heißer Stahl ineinander. Einmalige Momente völliger Offenheit. Was danach folgt ist häufig nur das krampfhafte wieder herbringen von Erinnerungen.
Und deswegen ist Sex auf Alk so geil. Es gibt kein vorher, es gibt kein nachher. Es gibt nur Finger, die sich an verbotene Stelle wagen, Zungen, die letzte Tabus brechen und Lust, die sich nicht darum schert, was morgen ist, weil nur der Sekundenbruchteil zählt. Da biegen sich Rücken, da öffnen sich Ängste, da offenbaren sich Wahrheiten. Für einen Wimpernschlag, für wenige Atemzüge ist alles klar und offen, und man kann die Lust mit der gleichen kindlichen Lust greifen, mit der man früher in den Sand gegriffen hat. Man weiß, das dass Gefühl des warmen, rinnenden Sandes zwischen den Fingerspitzen nur einen winzigen Moment im Leben bedeutet, aber man weiß auch, dass man sich ewig daran erinnern wird, ganz tief hinten.

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Dienstag, 27. Januar 2004

Da unten in den Kommentaren wird über das Für und Wider von jüngeren Liebhabern diskutiert. Meine Meinung ist da klar: Ab 30 sind sie brauchbar, Ausnahmen bestätigen die Regel, weisen aber zumeist auf einen eher narzisstisch veranlagten Menschen hin. Ich glaube, es war Madonna, die mal über junge Kerle im Bett sagte: "Sie wissen nicht was sie tun, aber sie tun es die ganze Nacht."

Das mag stimmen, und für Frauen, die darauf stehen, von einer Nähmaschine durchs Bett getrieben zu werden, die am Ende in die Hände klatscht und "Nochmal" jammert, ist das sicher ok. Mir ist das zu anstrengend, mal davon abgesehen, dass Männer zwischen 18 und 25 gerne ihre neuerworbenen Kenntnisse aus dem Orion Buch "234 Stellungen für ein erfülltes Liebesleben" ausprobieren wollen. Gerade eben meinte man, die Knoterei habe mal für 10 Minuten ein Ende, kommt ein "Lass uns dass mal so ausprobieren" und man findet sich mit verbogenem Hals in einer Stellung wieder, über deren Außenansicht man sich lieber keine Gedanken machen will, weil man sonst Lachanfälle bekommt, oder darüber nachdenkt, was die Mutter dazu sagen würde, wenn sie jetzt reinkommen würde. Ist man bei diesem Gedanken, landet man auch schnell bei den noch nicht beantworteten Emails. Was die Mutter angeht, weiß ich übrings wovon ich rede. Während sich Freundinnen allerhöchstens in der Reiterstellung ertappen ließen, musste ich mich natürlich von einem Freund in 20 Meter Seil wickeln lassen, und als meine Mutter reinkam, befand ich mich in einer anatomisch anstrengenden Stellung während die Vibratoren leise summten und ich mich bemühte mich nicht zu verschlucken. Ich durfte lange keinen Besuch mehr empfangen.

Meine Liebhaber und Freunde waren immer einen Tick älter. Nicht zu sehr, aber doch die paar Jahre Unterschied, die einen merken ließen, dass da jemand schon sein Handwerk gelernt hat und die ersten Fauxpas woanders erfolgt waren. So lernt man was dazu, und muss sich nicht mit einem rumschlagen, der vor lauter Unsicherheit, ob man nun dieses oder jenes mag, hektische Flecken im Gesicht bekommt und alle zwei Minuten mit "Ist das ok für dich?" nervt. Wie soll man sich konzentrieren, wenn man dauernd was gefragt wird. Wie soll man sich das "Wenn du die Schnauze halten würdest, wäre es nur halb so schlimm" verkneifen.

Nein, meine Präferenz war schnell klar, auch wenn es natürlich ein paar Nachteile gibt. So habe ich folgendes festgestellt: Je älter der Liebhaber ist, desto schneller schläft er nach dem Spaß ein. Junge Männer reagieren nach dem Sex am Anfang wie hyperventilierende Geckos, aber haben sie die 30 überschritten wird langsam aber sicher ein alternder Löwe draus. Ich denke, das ist ok und muss man verstehen. Während wir uns einmal im Monat, in einem langen Prozess dazu hinreißen lassen, energiesparend ein Ei schlüpfen zu lassen (wir würden in jeder Legebatterie sofort ausgemustert) müssen Männer den ganzen Tag, von morgens bis abends, ja selbst wenn sie schlafen, Milliarden von Samen basteln, die sich auch noch bewegen und genetisch perfekt codiert sein müssen, während sich unsere Gene gemächlich durch die Eierstöcke schaukeln lassen. Ich will jetzt hier keine Diskussion über Qualität und Quantität vom Zaun brechen, sondern nur darauf hinweisen, dass solch energiereiche Körperfunktionen, inkl. der zumeist deutlichen Mehrarbeit im Bett mit steigendem Alter eben auch längere Regenerationsphasen benötigen.
Gut, abrollen, einschlafen geht auch nicht. Ich will zumindest den Hauch eines Nachspiels, der anderen Haut und eine Zigarette. Dann kann er schlafen. Ich finde das zumeist entweder praktisch, oder süß. Praktisch, weil man in Ruhe durchs Nachtprogramm zappen, noch was Essen, vielleicht die Mails beantworten kann. Süß, weil es immer schön ist, den erschöpften Liebhaber beim sanften Einschlafen zu beobachten. Zu sehen, wie sich der Brustkorb hebt und senkt, wie er schutzlos ist für diesen Moment. Zudem kann man dann, wenn der Liebhaber neu ist, die Sachen sagen, die man sich sonst nicht traut. Zum Beispiel, wie toll man ihn findet, wie nett er ist, wie sehr man ihn mag.

Junge Liebhaber nerven nach dem Sex. Sie wollen oft "noch was machen" oder haben auch Hunger, oder wollen reden, oder fangen an die CD Sammlung auseinander zu nehmen, oder erzählen von der letzten Beziehung, oder, wenn es schlimm kommt, fragen sie wie es war. So was machen Liebhaber mit Erfahrung nicht. Die merken so was und verändern beim nächsten Mal ungefragt die Taktik. Man muss mit ihnen auch nicht darüber diskutieren, was man mag, und was nicht. Sie verstehen leise Gesten und Bewegungen und sagen nicht mitten drin "Wie jetzt?"

Ich denke, ich bleibe bei Liebhabern um die Dreißig. Wenn ich älter werde, könnte das zwar zu einem Problem werden, aber dann weiß keiner mehr, was ich hier geschrieben habe.

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Sonntag, 25. Januar 2004
Manchmal ist mein Leben eine Drehbuchfolge von "Sex and the city" die schon im Vorfeld abgelehnt wurde

Eine Freundin, nennen wir sie mal M., ist Mitte 30. Sie ist die typische Mitte-dreißig-Berlin-Mitte-Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Trainingsjacken-Frau. Sie holt sich ihren Latte-Macchiato-Extra-Milk-Candy bei Starbucks, geht im "Weinstein" essen und hält Männer für nützlich, aber ein wenig unpraktisch. Sie arbeitet viel, hat einen Laptop, die SZ und den Spiegel im Abo, einen DVD Player nebst riesiger DVD Bibliothek. Sie sagt, dass sie fett wird, was nicht stimmt. Sie sagt, dass ihre Brüste schlaff werden, was stimmt. Deswegen geht sie zu "Kieser" und trainiert die Muskulatur drumherum. Sie ist viel alleine, was ihr nichts ausmacht. Ich mag sie sehr, weil sie sagt, was sie denkt und weil sie mir nicht unähnlich ist, was Freundschaften ja immer etwas bequemer macht.

Letzte Woche allerdings, da dachte ich, ich bekomme einen Pfefferminzschlag. Um bei den Klischees zu bleiben: Typische Berlin-Mitte-Geburtstagsparty. Hübsche Wohnung, Holzfußboden, weiße Einrichtung, Alu-Dunstabzugshaube in der Küche, Bilder von unterernährten Berliner Malern an der Wand, viele Röcke und Anzugshosen anwesend. Geschnatter über Budgets, Ski-Urlaub, Auftragslage, Älter werden. Dann Auftritt M., im Schlepptau ein Mensch mit Parka auf dem "Punk" steht, eine riesige Hornbrille auf der Nase, fettige Haare. M. giggelt rum, stellt den Parka in die Ecke und zieht mich erst mal in die Küche.
- Ist der nicht süüüüß!
Gut, so Anfälle kenne ich. Von mir, von ihr, von allen Frauen. Irgendwann treffen wir einen merkwürdigen Menschen, der merkwürdige Musik hört, der merkwürdige Bücher liest, merkwürdige Sachen sagt, merkwürdige Klamotten trägt und fettige Haare hat. Wir sind verzückt von all den Merkwürdigkeiten, davon, dass er so anders ist, dass er so glänzende Augen bekommt, wenn ein 80er Album vom "Caspar Brötzmann Massaker" auflegt. Wir trinken dann schnell noch was Alkohol und finden es nett, die Nacht auf einer alten, dreigeteilten, 90cm Matratze zu verbringen, auf der schon vor dem Krieg Kinder gezeugt wurden. Romantisch.

M. plappert mir das Ohr voll. Wo sie ihn her hat usw. Parka wiederum nach 10 Minuten das in der Ecke stehen leid und nippt an einer Weißeweinschorle und stellt sich zu uns. Ich bin entsetzt, denn Parka ist jung. Sehr jung. Ungefähr 22. Auf seiner Wange kräuseln sich ein paar einsame Barthaare. M. lässt mich mit ihm kurz alleine. Na, so viel älter bin ich ja nun auch nicht, lüge ich mir vor, und versuche eine Unterhaltung. Dabei dachte ich, dass Kino kein Fehler sein kann. Nachdem ich mir einen halbstündigen gemurmelten Monolog über die koreanische Filmindustrie angehört habe, weiß ich, dass es ein Fehler sein kann. Ich nicke, versuche wenigstens auf europäischen Film zu kommen, da ich doch mal im Studium für ein Filmföderungsbüro gearbeitet habe und zu der Zeit auch ungarische Landtragödien gegangen bin. Leider Fehlanzeige. Der europäische Film sei tot, erfahre ich, Film überhaupt sei tot, es werde in Zukunft nur noch Mangas geben. Aus Korea.
Ach so, denke ich, der nimmt mich auf den Arm. Ich nicke ernst und sage, dass ich ihm zustimme, aber glaube, dass die Vietnamesen da in Zukunft die Welt regieren werden. Er schaut mich fassungslos an, ich sage leise "Nicht?" und muss furchtbar anfangen zu lachen. Er dreht sich um und geht.
Fünf Minuten später steht M. wieder vor mir. Rüffelt mich, weil ich unhöflich war. Ich sage ihr:
- Wenn ich unfreundlich gewesen wäre, dann wäre der Parka jetzt nicht mehr auf dieser Party. Und was in Gottes Namen willst Du mit dem??? Sag mir jetzt nicht, dass er gut im Bett ist!"
- Isser aber
- Er ist jung, da kann man nicht gut im Bett sein
- Isser aber
- Erzähl mir nix
- Doch
- Behält er den Parka im Bett an?
- Du bist eine blöde Schlampe
- Das beantwortet nicht meine Frage
- Anne, Du bist neidisch
- Ich bin waaaas? Auf den Parka?
- Nenn ihn nicht immer Parka, er heißt Tobias
- Oh Gott.
- Gut, er ist nicht so wie die andern Langweiler hier. Er ist sensibel.

Ab diesem Moment wusste ich, dass ich einer abgelehnten Folge von "Sex and the City" war und brach die Unterhaltung ab. Aber es gab einfach kein Entkommen, denn ich wusste, dass die beiden sich gleich in eine Ecke zurückziehen würden, er leicht den Kopf gesenkt mit ihr redet, sie durch seine fettigen Haare krault und das alle anwesenden Weiber zu mir kommen würden, um mich zu fragen, wenn M. sich denn da geangelt habe. Die einzige Chance die ich sah, war mich zu den beiden zu setzen. Nach ungefähr 30 Minuten bin ich in einem leichten Streit mit Parka, der dann weitere zwanzig Minuten später sehr hässlich endet, in dem ich ihm sage, dass er ein ungefickter Milchbubi ist, der nur dann einen hoch bekommt, wenn er sich seine neuen Digimon Sammelkärtchen kaufen geht. M. ist beleidigt. Parka sowieso. Gastgeber verwundert. Mir tut es sofort leid, aber mein Karmakonto wird dann später dadurch wieder ausgeglichen, dass ich mit einem Zahnarzt auf dem Sofa sitze und knutsche und er versucht mir zwischen die Beine zu greifen.

- Schnitt -

Heute morgen klingelt mein Telefon. M. dran. Stocksauer. Parka hat sie sitzen lassen. Gottseidank denke ich, sage aber
- Och
- Ja, och. Und soll ich Dir sagen warum?
Nein, denke ich, die Nachricht an sich ist gut genug. Zuviel Information kann ihr nur schaden, sage aber
- Hmmpf
- Wegen Dir
- Wegen mir? Wegen des Streits?
- Nein, er hat sich in Dich verliebt
- Er hat was? Bist Du Irre?
- Nein. Er sagte mir gestern Abend, dass er keine Lust mehr auf mich habe, weil ich ihm zu glatt sei. Du [hier wurde die Stimme sehr spöttisch] seiest da ganz anders.
- Wie? Anders?
- Du würdest ihn herausfordern und ihn nicht nach dem Mund reden, wie alle anderen
- Ach?
- Ja. Danke dafür
- Blödsinn. Hör mal, das tut mir leid, aber....
- Wie dem auch sei, ich hab ihm Deine Handynummer gegeben.

Eben die ersten SMS. "Hier Tobias. Kann ich Dich mal anrufen?". Meine Antwort "NEIN". Seine Antwort "Dachte ich mir. M. hat mir Deine Adresse gegeben. Schick Dir mal DVDs".

Jetzt hab ich einen Real-Life Troll.

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Dienstag, 20. Januar 2004

Jesses. Das Jahr und ich, wir sind noch nicht richtig Freunde geworden. Dieses Jahr zickt rum wie eine alte, runtergekommene Diva aus den 20er Jahren. So eine, die im Altersheim allen das Leben zur Hölle macht.
Jedenfalls kommt frau zu nix. Nix Essen, nix trinken, nix knutschen, nix schlafen. Wenn überhaupt, dann nur schlafen. Aufstehen, arbeiten, nach Hause kommen, Salzcräcker mit Quark essen, hinlegen, einschlafen. So geil kann das Leben sein. Immerhin, man soll die Phasen der Überarbeitung durchaus schätzen. Während andere Menschen über Dinge wie "Beziehungen", "schlechtes Wetter" und "meine Mutter ruft andauernd an" klagen, bleibt dem viel arbeitenden Mensch sowas erspart. Wetter ist das, was draussen ist. Draussen ist man nicht. Ich bewege mich bei Regen von der Wohnung ins Taxi, ins Büro und auf den gleichen Weg zurück. Meine Mutter hat noch nie viel angerufen und über Männer informiere ich mich allerhöchstens bei Lyssa.

Dort werden Probleme gewälzt, die ich gerade auch gern hätte. Zum Beispiel, dass man Heten daran erkennt, dass sie ausgebeulte Hosentaschen haben. Und es sind nicht die Genitalien, die sich da verzückt an die Luft drängen wollen. Eher alte Socken, meiner bescheidenen Erfahrung nach. Und, wie man den Kommentaren entnehmen kann, erkennt man echte Männer offenbar daran, dass sie ein "Leatherman" Messer an der Gürtelschnalle tragen.

Männer, jetzt mal ernsthaft. Das sieht scheiße aus. Und zwar so richtig. Männer, die kleine Lederbeutel an ihrem Gürtel befestigen, haben auch ein Schutzkondom fürs Handy, einen Bauchbeutel, wenn sie in den Urlaub fahren und ein Portemonnaie, das mit einer kleinen Kette an der Hose befestigt ist. Bitte, jeder kann das so machen, wie er will. Aber dann wundert euch nicht, wenn ihr am Ende eine Frau namens "Mindy" heiraten müßt, die nach dem zweiten Kind einen Hintern wie ein Brauereipferd bekommt und andauernd nach "My Melody" stinkt.

Ich finde, das Leatherman ist der pubärtierende Teenager unter den Messern, während das Schweizer Messer sowas wie der gute Onkel ist. Das Leatherman ist laut, leicht prollig und angeberisch. Das Schweizer ist ein wenig ruhig aber voller verborgener Fähigkeiten. Ich würde lieber mit jemanden ins Bett gehen, der ein Schweizer Messer hat.

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Dienstag, 13. Januar 2004
Nein...

ich hab mich nicht "zu Tode gefickt" wie ein heimlicher Mailschreiber es gehofft hat, nur weil hier mal eine Woche Pause ist. Manchmal muss ich arbeiten, habe keine Lust zu schreiben und mache die Dinge, die ich dann hier aufschreiben darf. Ficken, mittelalte Männer in Westbury Anzügen und die noch bei Mami wohnen fertig machen, trinken, Wodkanachschub kaufen und sich dabei mit einer Schranze anlegen, die glaubt, man habe was geklaut. So Sachen halt. Schreib ich noch auf. Sicher. Besonders die Nummer mit dem Ladendiebstahl.

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Freitag, 2. Januar 2004

Wegen völliger Unentschlossenheit bzgl. der Silvesterplanung, einfach mal alte Freunde angerufen, was die so machen, dabei M. erwischt, mit der ich seit etlichen Monaten nicht mehr gesprochen habe, was auch daran lag, dass ich dachte, sie sei mit ihrem Freund, einem Menschen vom Theater, auf Tingeltangel über Österreichs Bühnen. Stimmte aber nicht. Ihr nicht eben psychisch stabiler Freund hatte es im Frühjahr vorgezogen, sich zu besaufen und tot zu fahren, irgendwo, auf einer gottverdammten Landstraße in Oberösterreich. Die beiden waren Jahre zusammen, quasi zusammen gewachsen, und haben sich abgöttisch geliebt. Er war der kreative Teil, sie diejenige, die darauf geachtet hat, dass nichts in seinem Weg liegt. Er hat sie auf Händen getragen und mindestens einmal am Tag hat er ihr Gesicht in seine Hände genommen und ihr gesagt, dass er sie lieben würde. Sie hat ihn ins Bett gebracht, wenn er besoffen war, sie hat seine Sachen Korrektur gelesen, ihm geholfen wenn er in einer Sackgasse steckte. Sie wußte was zu tun war, wenn es ihm dreckig ging, er wußte was sie glücklich macht. Sie waren zwei verlorene Puzzelstückchen. Perfektes Paar. Und dann - zack - ist er tot.
M. ist wochenlang wie paralysiert durch die Welt gelaufen. Sie hat sich in dem Kaff in dem der Unfall passiert, eine Wohnung gemietet, damit sie jeden Tag zu der Stelle gehen konnte, an der er gestorben ist. Weil sie es begreifen wollte, weil sie hoffte, dass sie dort eine Antwort bekommt. Ein Zeichen vielleicht. Sie hat sich hoffnungslos überschuldet in dieser Zeit, ein Freund hat ihr dann geholfen, die Wohnung in Berlin gehalten, in die sich M. nicht mehr reingetraut hat, weil da ja noch alles vom ihm war. Sie hatte den Boden unter den Füßen verloren. Die Menschen im Kaff haben sie in Ruhe gelassen. Wahrscheinlich, weil sie die "komische" war, die Frau, die nicht loslassen kann. Nur der Pfarrer hat sie ab und zu besucht, was M. nicht wollte, aber es war am Ende doch gut, vielleicht weil die immer wiederkehrenden Sprüche vom Paradies, vom Himmel, zusammen mit den längst verschütteten kindlichen Glauben ein Netz gewoben haben, das ihren Fall gebremst hat. Irgendwann mußte sie wieder weg da. Weil das Geld aus war, weil die Berge ihr aufs Hirn drückten, weil kein Zeichen kam. Jetzt ist sie wieder hier, atemlos, leidenschaftslos. Sie hat dann von den Momenten erzählt, wie es war, als sie nach Monaten wieder in die Wohnung kam, als sie im Schrank an seinen Sachen gerochen hat, die Nase ganz tief in den Stoff gedrückt, wie sie an seinen abgekauten Bleistiften geschnüffelt hat, rein gebissen sogar, weil sie hoffte ihn schmecken zu können, wie seine Haare aus dem Abfluß gezogen hat, und nie hat sie geweint, sondern alles mit einer verbissenen Entschlossenheit betrieben, weil sie hoffte, sie können einen Teil wieder finden, für einen Moment die Augen schließen und er ist wieder da. Sogar nach alten Kondomen hat sie gesucht, unterm Bett, aber da war nix, sie ist ja reinlich. Nur die Fesseln und das andere Spielzeug lag da. Sie hat es zusammen gepackt und in den Keller gebracht. In einer Plastiktüte, in einen Topf, in einen Schrank. Am liebsten hätte sie es verbrannt, aber das hat sie sich nicht getraut. Fast drei Tage war sie, nach eigener Aussage, dem Wahnsinn näher als irgendwas anderes. Sie hat jeden Millimeter der Wohnung abgesucht, nach Hinweisen, nach einem Stück von ihm. Sie hat auf dem Sofa geschlafen, oder am Esstisch, aber nicht im Bett, das ging nicht. Ich hab sie Silvester zu mir eingeladen, weil sie sonst in der Wohnung alleine gesessen hätte, und wir haben auf dem Sofa gelegen und sie hat mir das alles erzählt und ich hab zu gehört. Wir haben ein bißchen Sekt getrunken und sind dann später auf die Strasse, zu den Irren mit ihren Bomben und Böllern und Raketen, und uns beiden war es zu laut und zu hektisch. Dann doch lieber mehr Sekt bei mir, und wir haben geredet und als sie fertig war, ist sie auf meinem Sofa eingeschlafen, einfach so, der Akku war leer. Ich hab sie zugedeckt, ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben und noch ganz lang im Bett gesessen.

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Montag, 29. Dezember 2003
Ella & Louis

Das Weihnachtswochenende damit abzuschließen, dass man Samstags den Tag ignorierend auf dem Sofa ruht, und endlich all die Bücher liest, die sich in den letzten Monaten angesammelt haben, ist eine sehr gute Idee. Ab und zu stampft man in die Küche, füllt Tee nach, knabbert Kekse. Nicht im Traum denkt man daran das Haus zu verlassen, oder irgendetwas am Zustand der Haare nach dem Aufstehen zu verändern. Anziehen ist auch nicht, dafür hat man ja einen sehr warmen und weichen Bademantel der völlig ausreicht. Es kommt ja keiner vorbei. Man ist ja alleine, zumal der Lebensgefährte seine weit verstreute Familie abklappert.

Dieses Jahr habe ich darauf verzichtet ihn quer durch Deutschland zu begleiten. Wir hatten dieses Jahr schon oft genug Ärger, und den muss man an solchen Tagen nicht auch noch herausfordern. Der Lebensgefährte war trotzdem sauer, aber die Chance, dass ich ihn auf einem eisigen Autobahnparkplatz ausgesetzt hätte war so groß, dass ich es lieber nicht darauf ankommen lassen wollte. Zumal ich seine Familie auch nur in Teilen ertragen kann. Seine Mutter, eine aufgedonnerte Vorstadtqueen, der nicht eine Sekunde abgenommen habe, dass die Faltenlosigkeit ihrer Augenwinkel "in der Familie liegen" und sein Vater, der ein netter Brummbär ist und sich vor und während größerer Familienfeierlichkeiten mit einem Flachmann alleine in sein Gartenhäuschen zurück zieht, gehen ja noch. Gar nicht geht die, meiner Meinung nach, völlig debile Schwester, deren geistiger Horizont knapp vor ihren monströsen Fingernägeln aufhört und mich, wen wunderts, abgrundtief hasst. Dieser Hass mag etwas damit zu tun haben, dass ich mich in einem Streit mal hässlich über sie geäußert habe, und ihr das Zitat meiner Mutter an den Kopf warf, dass sie gerne benutzt, wenn ihr Menschen begegnen, deren intellektuellen Fähigkeiten auf dem Niveau einer Qualle sind, und über die sie dann gerne sagt: "Die ist aber bestimmt mit dem Taschentuch gefiltert worden". Womit sie implizieren möchte, dass die Erzeuger beim Zeugungsakt das Schlimmste mit einem dazwischen gelegten Taschentuch verhindern wollten, was aber nur dazu führte, dass dem dabei erschaffenen Kind etliche Chromosomen abhanden gekommen sind. Schöner kann man zwei Generationen auf einmal nicht beleidigen.
Alleine die Aussicht, diese Schwester nicht sehen zu müssen, inkl. der Erkenntnis, dass ich ja schon nicht mit meiner Familie klar komme, reichten mir dieses Jahr, auf das zweifelhafte Erlebnis zu verzichten. Bockig wie mein Lebensgefährte dann eben ist, verkündete er daraufhin, dass er Silvester dann auch auf mich verzichten könne, und überhaupt, weswegen ich jetzt nicht so richtig weiß, ob ich nun einen Lebensgefährten oder einen Ex-Lebensgefährten habe. Ich stelle mir die Frage aber auch nicht wirklich. Wir haben in den letzte acht Monaten soviel Porzellan zerdeppert, da ich nun am Ende des Jahres zu müde bin, um mir darüber den Kopf zu zerbrechen.

Und heute schon gar nicht, denn mein beschaulicher Samstag endete abrupt und warf mich in eine Art Zwischenwelt. S., was eine, na sagen wir mal, nähere Freundin ist, hatte zusammen mit ihrem dauerkiffenden Freund T. am Samstag die spontane Idee mal bei mir reinzuschneien. S. und T. sind seit zwölf Jahren zusammen und aus Kroatien. Dass beide es geschafft haben sich in den letzten zwölf Jahren nicht gegenseitig umzubringen, führe ich auf ihre gegenseitige Verschwiegenheit und pures Glück zurück. Gut, einmal hat sie ihm eine Flasche auf dem Kopf zerschlagen, und er hat sich mit einer geprellten Rippe revanchiert, aber ansonsten machen sie dass, was Paare die zwölf Jahre zusammen sind, eben so machen. Sie betrügen sich nach Strich und Faden und vögeln, wenn sie betrunken sind, öffentlich rum. S. und T. stürmten also meine Wohnung, und nach einer Stunde und den ersten beiden Tequila, den die beiden mit gebracht hatten, fand ich es auch gar nicht mehr so schlimm. S. & T. hatten gerade drei Tage bei ihren Eltern verbracht, und waren, wie soll ich sagen, fickrig. Sie wollten auf die Piste, raus, saufen, Party, tanzen, schlimme Dinge machen. Möglichst alles gleichzeitig. Und tatsächlich: nach drei weiteren Tequila hatten sie mich so weit, und ich folgte ihnen ins KitKat. Was bedeutete, dass ich mich a) duschen und meine Haare waschen musste, b) die für die Jahreszeit nicht eben geeigneten Klamotten aus dem Schrank geholt werden wollten und c) ich zu diesem Zweck S. & T. sich selbst überlassen musste. Ein Eimer mit kaltem Wasser hätte die beiden, nach dem ich aus dem Bad kam, evtl. trennen können, ich beließ es aber dabei einen kleinen Anfall zu bekommen, weil ich es wirklich hasse, wenn jemand fremdes mein frisch bezogenes Bett mit Gerüchen beferkelt, die nicht von mir oder meinem Sexualpartner sind.

Aber irgendwie war ich immer noch im Weihnachts-Modus. In meinem Kopf sangen Ella Fitzgerald und Louis Armstrong Weihnachtslieder, mein Bauch wölbte sich leicht nach dem Verzehr von ca. 3 Kilo Spekulatius über die letzten Tage und meine Lust nach Entertainment bezog sich immer noch auf meinen Fernseher. Das sind keine idealen Voraussetzungen um ins KitKat zu gehen, einem Klub in Berlin, der etwas anders ist, als die anderen Clubs. Es ist eine große Halle in die ca. 400 Leute passen. Es läuft laut House/Trance/Techno, aber damit haben sie die Parallelen zu anderen Clubs auch. Innendrin ist so was wie eine andere Welt. Hunderte von Menschen in Latex/Leder Outfits. Oder auch gleich ganz nackt. Was in sofern praktisch ist, da die meisten dort hinfahren um zu vögeln. Alle, alle sind tätowiert, gepierct, gebrandet, gecuttet oder sonst wie gezeichnet. Ich stakste also in Boots aber mit Ella im Kopf in diese Vorhölle. S. & T. verschwanden nach ungefähr 30 Sekunden. Ich hab sie auch nicht mehr wieder gesehen. Ich stand wie versteinert in einer Ecke, weil das, was da um mich herum passierte, mit dem was in mir passierte so was von überhaupt gar nicht zusammen wollte. Aber nun war ich schon mal da und beschloss das Schauspiel zu beobachten. Ein Wodka (doppelt) und eine Sitzgelegenheit in einer etwas ruhigeren Ecke nebst meinem "Wenn Du mich ansprichst bist du tot" Blick sorgten für leichte Entspannung.

Ungefähr eine Stunde und zwei weitere Wodka später fand ich mich in einem sehr intensiven Gespräch über die Vor- und Nachteile von Stiefeln mit 10 Zentimeterabsätzen mit einer Frau wieder, die ebenso wie ich, an diesem Abend ins Kitty verschleppt worden war. Wir beide trohnten mittlerweile auf einem Rundsofa, fröhlich Wodka trinkend und den Alltag dieser Welt besprechend, gierige Blicke ignorierend. Um uns herum tobte das Leben. Aber so was von. Da wurde geknutscht, geleckt, geblasen, gefickt, gefingert und gekommen, was drin war. Und in mitten dieses orgiastischen Chaos, diesen Strömen von Schweiß, Gel, Sperma und was weiß ich noch, saßen wir, betranken uns langsam aber sicher und plauderten über Mädchenkram. Wir beobachteten die Berufswichser, die wie eine Horde Schmeißfliegen immer in die Ecke zogen in denen gerade gevögelt wurde, und wunderten uns, was das bringen soll, die halbe Nacht mit seinem Schwanz in der Hand durch einen Club zu laufen. Wir bewunderten einen Schwulen, der den perfekten Körperbau hatte und dem die ganze Zeit zwei andere, nicht ganz so perfekte Schwule zu Füssen lagen. Wir tranken weiter, diskutierten das Pro und Kontra von kleineren Bierbäuchen (sieht scheiße aus, schmiegt sich aber nett im Rücken an) beobachteten einen Typen, der seine Freundin eine knappe halbe Stunde wie eine Nähmaschine vögelte und fragten uns, ob sie dabei schläft, oder doch genießt. Wir kicherten über den recht vollschlanken Mann, der sein Weib an einer Kette hinter sich herzog, sich auf ein kleines Podest stellte, und sich dort, damit es auch alle sehen konnten, allen blasen ließ. Morgens um 4 waren wir dann beide nett betrunken, so eine Mischung aus Leichtigkeit, Freude und Wärme, und wir probierten aus, ob wir nicht nur reden, sondern auch noch was anderes machen können, was gut funktionierte, aber ich wollte es dabei belassen. Denn mittlerweile hatten sich Ella und Louis wieder gemeldet, und ich wollte nur noch in mein Bett, alleine, vielleicht die Zehen am Ende der Bettdecke rausschauen lassen, mit ihnen wackeln, leicht angetrunken darüber kichern und sanft einschlafen.

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Donnerstag, 25. Dezember 2003
Weihnachten galore

Ohja, Weihnachten bei meinen Eltern. Ich mag sie sehr, aber man muss ja nicht immer gleich die ganze Dosis Liebe abrufen. Deswegen beschränkt sich die Dauer meines Aufenthaltes zu meist auf wenige Tage. Höchstens vier. Nach vier Tage fühle ich eine leichte Anspannung in mir wachsen, so eine Verhärtung unter der Bauchdecke, die Kiefermuskeln werden auch hart während die Schulter langsam aber sicher nach oben wandern. Vier Tage mit meiner Mutter zu frühstücken hat allerdings bisher auch noch jeden umgebracht. Was weniger an ihrem Frühstück liegt, sondern an ihrer phänomenalen Eigenschaft morgens in jedem Zustand wie ein Wasserfall reden zu können. Dabei stört es sie auch in keinster Weise, wenn man die Zeitung weit ausgeklappt vors Gesicht hält und sich quasi dahinter versteckt. Sie redet einfach durch die Zeitung durch, weil sie genau weiß, dass man sich bei dem lauten und enervierenden Geplapper sowieso nicht aufs Lesen konzentrieren kann. Das ist schlimm - besonders, wenn man wie ich morgens eher zu den Menschen gehört, bei denenlautes und unablässiges Reden eine Reihe von imaginären Bildern auslöst, bei denen es um scharfe Messer, sehr viel Blut und evtl. um eine Axt die in einem Kopf steckt geht. Verschärft wird die Situation dann, wenn man am Vorabend mit alten Freunden versackt ist, man ungefähr 4 Stunden geschlafen hat, sich noch genügend Wodka in der Blutbahn für ein zweites Besäufnis befindet und zu dem langsam aber sicher die Erinnerung hochkommt, dass man sich von jemanden hat nach Hause fahren lassen, den man fünf Stunden vorher noch nicht gekannte, man aber ihm trotzdem (oder deswegen) im Auto noch einen runtergeholt hat während er vergeblich versuchte sich bei mir zu revanchieren. Und wenn dann die eigene Mutter den unschönen Erinnerungstrom damit toppt, dass sie Geschichten aus der Nachbarschaft erzählt UND eine Antwort erwartet, kann es zu unschönen Szenen kommen. Mein Vater hat sich das Frühstücken wohl deswegen abgewöhnt und verzieht sich mit einem Kaffee immer in sein Büro.

Diese Art meiner Mutter bringt mich jedenfalls verlässlich auf die Palme. Sie weiß das, ich weiß das. Sie macht es trotzdem. Vielleicht auch noch als Rache für die Weihnachtsfeste, die ich früher mit schöner Regelmäßigkeit versaut habe. Es gab da mal so eine Zeit, kurz nachdem ich endlich ausgezogen war, wo die Konflikte zwischen mir und meiner Mutter an den Feiertagen eskalierten. Gerne bin am 23.12. Abends noch weg gegangen, habe mir einen schönen, gut gebauten jungen Herrn gegriffen, in die elterlichen Zimmerfluchten geschleppt und angelehnter Zimmertür besonders laut gevögelt. Auch gerne schon mal in der Diele oder auf der Treppe. Der Sex war mir wurscht. Wichtig war mir, dass meine Mutter es hören konnte. Dabei interessierte sie es schon lange nicht mehr, ob und mit wem ich rumvögelte. Was sie wirklich ärgerte war die Tatsache, dass am nächsten Morgen mit Sicherheit ein ihr unbekannter Mensch im Haus sein würde, den sie am Frühstückstisch ertragen musste. In solchen Momenten war sie morgens nämlich ruhig. War ja ein Fremder da.

Aber man wird ja weiser. Oder älter. Oder beides. Und dieses Jahr habe ich mir das alles verkniffen. Ich bin brav gewesen. Habe meinen Vater geholfen den Weihnachtsbaum am 23.12. Abends zu schmücken, anstatt in dubiosen Kneipen zu trinken. Ich hab meiner Mutter geholfen den Rehbraten perfekt werden zu lassen, hab die Hunde durch den Garten gejagt, hab es mir verkniffen sie an zu schnauzen, wenn sie morgens auf mein müdes Hirn eingeredet hat. Ich war ein braves Lamm. Eine gute Tochter. Ich hab sogar nicht meinen kurzen Rock angezogen, sondern was langweiliges blaues. Ich hab mich artig über was noch langweiligeres in dunkelrot gefreut. Ich hab meine Eltern am 24.12. gezwungen mit mir Wodka zu trinken. Solange, bis beide betrunken waren, und meine Mutter heute morgen zum ersten Mal seit Jahren still war. Was daran lag, dass sie mit einem Schädel im Bett lag und jammerte. Ich hab dann beschwingt meine Sachen gepackt und bin nun wieder in Berlin. Und jetzt muss ich ganz schnell und ganz dringend raus. Frohes Fest noch.

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Freitag, 19. Dezember 2003

Toll - da ist dann heute schon die zweite Geschichte, die mir der Server gefressen hat. Große Freude, mehrfaches vor die Stirn schlagen, weil man es nicht in den Zwischenspeicher gepackt hat. Gleichzeitig die Frage, ob Gott einem damit etwas sagen wollte. War die Geschichte so schlecht? Ich hab niemanden beschimpft, nur ein wenig. In der Geschichte ging es nämlich darum, dass ich gerade festgestellt habe, dass ich beim Blogwart nominiert bin und dass ich das letzte Mal bei einem solchen Contest in der Schule teilgenommen habe, was damit endete, dass mir die Klassenschlampe während der Englisch-Stunde fünf Kaugummins in meinen langen Haaren großzügig verteilte, was wiederum dazu führte, dass meine Haare um die Hälfte abgeschnitten werden mußten, was wiederum für ein Mädchen meines damaligen Alters so ziemlich das schlimmste war, was man ihm antun konnte. Ich berichtete weiter davon, dass mich diese Sache noch Jahre verfolgte und ich erst knapp 10 Jahre nach dem Vorfall der Dame zufällig wieder begegnet bin, da war sie fett, hatte zwei wirklich häßliche Kinder und trug ein "Chiemsee" Sweatshirt, als ich gerade aus meinem MGF kletterte. Der war zwar von meiner Mutter geliehen, aber dass wußte die Mistkuh ja nicht. Ein über die Sonnenbrille geschnipptes: "Na, Du hat Dich aber verändert" nebst leicht nach oben gezogenen Mundwinkel und der besseren Figur reichten dann aus, um die Schmach von damals zu tilgen.
Schrub ich. Dann wollte ich es posten und ein hässliches "Maxium Thread Count" war die Antwort.

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Montag, 15. Dezember 2003

Die Wochenende, an denen sich die Seele auf links zieht werden auch immer häufiger. Während man die Zeitungen in der Wohnung wie eine Brotkrumenspur auslegt, versucht man bewaffnet mit Roibush-Tee, Murakami und der Fernbedieung der Langweile Paroli zu bieten. Zwischendrin ertappt man sich dabei, mit der Stirn gegen ein Fenster gelehnt den Schnürregen einzufädeln, damit wenigstens er in Ordnung ist. Die Kälte kriecht vom Fenster über Stirn hinein in den Kopf, nur um enttäuscht festzustellen, dass es da drin noch kälter ist.
Gelangweilter Griff ziwschen Beine Sonntag Nachmittag um kurz vor vier, während irgendein Skispringer durch den Wald segelt und auf einem langen, weißen Bettlaken einen Knicks macht. Zwischen den Beinen ist nichts und man greift ins Leere. Keine Wärme strömt, kein von Nadeln getriebenes Ansinnen quält sich heraus. Die Hand ruht im Nichts. Vielleicht doch schon was trinken? Die Decke bis zum Kinn, eine Hand zwischen den Beinen eingeklemmt verliert sich der Blick.

Der eigene Kosmos ist implodiert. Keine Ablenkung ausser der Ablenkung, dass die Dinge eine böse durch die Gegend schubsen. Dass man selber gar nicht wirklich lenken kann, nur abwarten, dass man wieder etwas erkennt und fröhlich sagen kann: "Das ist ja hübsch". Ich muss lachen, als ich denke "Mein inneres Konzentrationslager". Mein politisch korrektes Gewissen tadelt mich sofort für den Gedanken. Ich beschließe meinem politisch korrekten Gewissen eins auszuwischen, in dem ich weiter kichere. Vielleicht mal die Wohnung umräumen? Das Sofa von hier nach dort, das Bett mehr ans Fenster. Warum steht das Bett überhaupt so weit weg vom Licht?
Achja, keine Vorhänge. Innenhof. Die achtköpfige Familie aus Taiwan, die von ihrer Küche aus mir direkt ins Schlafzimmerfenster schauen kann, wird sicher nicht erfreut sein, wenn sie mir während ihres dritten Abendessens beim Vögeln zusehen kann. Die Nachbarn haben im Sommer eh immer mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu geschaut, wenn ich vergessen hatte das Fenster vorm Sex zu zu machen. Was ich eigentlich immer vergessen habe. Wenn man angetrunken Samstagsmorgens um 2.00 Uhr nach Hause kommt, hat man andere Dinge im Sinn. Komischerweise fällt einem dann immer mittendrin auf, dass ja das blöde Fenster sperrangelweit aufsteht und man gerade dabei ist eine akustische Liveshow abzuliefern, aber dann ist man auch zu faul und zu beschäftigt um aufzustehen.

Ich hatte man eine Affäre mit jemanden, der mir, wenn ich ihm zu laut wurde, den Mund zugehalten hat. Beim ersten Mal bin ich erschrocken zumal ich keine Luft bekommen habe. Koksnase. Ich hab seine Hand weggeschlagen und ihn böse angeschaut. Er hat sich entschuldigt. Er könne es nicht ertragen, wenn es zu laut würde. Es würde ihn ablenken, aus dem Rhythmus bringen. Also liebten wir uns leise. Wie zwei Teenies unter der Decke, unterdrückt keuchend, schwitzend, die Lippen aufeinander gepresst, nur beim Küssen ein leises Stöhnen. Schwer für jemanden wie mich, die eigentlich nie darüber nach gedacht hat, ob und was für Geräusche sie macht. Es war ein verbissener, taubstummer Kampf zweier Menschen, die sich dabei in die Augen starrten, die mit dem Becken versuchten dem andern die Luft aus den Lungen zu pressen, die darauf warteten, dass der andere endlich in einem Geräusch explodierte. Aber immer wenn ich nahe dran war zu verlieren, legte er mir seine Hand auf den Mund und ich wehrte mich nicht mehr, sondern schloß die Augen und hielt den Atem an, während er sich schneller in mir bewegte. In manchen Momenten konnte ich vergessen, dass da eine Hand auf meinen Mund lag, und ich atmete mit irgendwas anderem. Mit der Haut, mit der Vagina, mit den Händen. Bis mir der Kopf zu platzen drohte, die Wangen sich nach innen stülpten, er die Hand wegnahm und die Luft in einer leisen Explosion wieder nach in die Lungen strömte. Klare, kalte Luft die meinen Brustkorb füllte, alles wieder weich machte und meine Finger dazu bewegten in die Haut des anderen zu wollen. Sich darunter zu schieben, wie unter eine weiche Decke.

Fern, das alles. Die Romantik des Alleinseins ist auch dahin. Keine tickende Uhr mehr, die anzeigte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis man sich getrost in den Schlaf langweilen konnte. Nur noch digitale Anzeigen und leise zischende Wecker. Uhren, die sich nicht mehr bewegen, sondern nur noch still die Anzeige wechseln. Keine Sorge, die "5" kommt gleich wieder. Und weil die Zahlen immer wieder kommen, und weil die Uhr die Zeit nur rechnet, vergeht die Zeit auch nicht. Sie ist nur ein paar Leuchtbalken, die nicht zittern, die nichts machen, außer an und aus zu gehen. Nichts passiert, nur die Balken wechseln. Alles nur noch perfekt. Perfekte Zeit, perfekte Ruhe. Morgen kaufe ich einen alten Wecker. Und ich werde darauf achten, dass er laut tickt, damit die Zeit nicht mehr verloren geht, sondern im Gedächtnis meines Gehörs bleibt. Damit ich mich daran erinnere, dass ich gar nicht so viel davon habe.

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Mittwoch, 10. Dezember 2003

Ich hab mich vervielfältigt.

http://schmutzfink.blogger.de/

Und zwar deswegen:

Normalerweise sind mir Mails, in denen ich beschimpft werde, relativ egal. Relativ deswegen, weil es Tage gibt, an denen sie mir mal nicht egal sind, und ich den Schreiber gerne an den Zehnägel aufhängen würde. Das sind dann so Tage, an denen ich sowieso schlecht gelaunt bin, so wie heute, weil ich im KaDeWe wg. Weihnachtseinkäufe zwei Stunden lang mit verschissener Weihnachtsmusik beschallt wurde, man mich im Radio alle fünf Minuten daran erinnert hat, dass ja bald Weihnachten ist und mein Lieblings Häagen-Dazs Sorte Belgian Chocolate ausverkauft war. Gut, meine Grundlaune ist eh im Bereich "Vorsicht!" angesiedelt, aber dann kam da heute Abend noch diese Mail in mein Postfach. So nicht, meine Herren, dachte ich. Aber sich immer nur alleine mit diesen Schmutzfinken beschäftigen ist ja doof. Es macht sicher vielmehr Spaß, wenn auch andere das Vergnügen teilen und vielleicht trifft es sich ja, dass man gemeinsame Bekannte hat.
Soweit ich weiß, sind fast ausschließlich Frauen von dem Thema betroffen, aber mitmachen kann jeder, der einen Blogger.de Account hat und solche Mails bekommt oder bekommen hat.

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