belledejour
 

 
Samstag, 18. Oktober 2003
Allein

Heute überrascht festgestellt, dass ich ein Wochenende habe, an dem ich mal völlig allein bin. Und keine Arbeit habe. Und niemand vorbei kommt. Ungewöhnlich, da ich ja sonst immer in Hamburg bin, oder es meinen Freund ab und an nach Berlin verschlägt. Ich musste lange überlegen, wann ich das letzte Mal so allein war. Muß im Juli gewesen sein.
Dabei liegt mir das Alleinsein durchaus. Nach dem ich heute bemerkte, dass ich nichts vorhabe und niemand was von mir will, hab ich mich kurz in den Supermarkt meines Vertrauens geworfen, Dinge wie Kakao, Tee, Zeitungen, Joghurts und anderes Zeug gekauft, bin nach Hause gegangen, hab mich in die Badewanne gelegt und eine ausgiebige Orgie mit meinem Töpfen, Tiegeln und Fläschchen erlebt. Jetzt riech ich nach einer Mischung aus Pfirsich, Vanille, Kokos und Gilette Rasiergel und bin sehr, sehr entspannt. Allerdings: Wenn ich entspannt werde, dann werde ich auch entscheidungsunfreudig. Soll ich den Apfel-Wintertraum Tee trinken? Oder doch den Kakao? Solche Entscheidungen kann ich in einem entspannten Zustand einfach nicht treffen. Ich stehe hilflos davor und würde am liebsten beides haben wollen. Was ich dann auch gemacht habe.

Das ich jetzt so nett rieche, hat einen sehr angenehmen Nebeneffekt. Zum ersten Mal hab ich nicht mehr den Geruch einer feuchten, modernden Altbauwand in der Nase. Die Decke soll zwar trocken sein (man hat den Boden meines Nachbarn, der immer noch im Krankenhaus liegt, zwar mit irgendwelchen, monströs lauten Heizdingern versucht trocken zu bekommen, aber ich kann nicht glauben, dass das so schnel geht), aber hier und da weht ein Duft von Friedhof durch meine Wohnung.

Was mich daran erinnert, dass ich früher gerne alleine auf Friedhöfen unterwegs war. Gerne auch in der Dämmerung, aber nie wenn es völlig duster war, da fühlte ich mich dann doch unwohl. Die schönste Zeit auf dem Freidhof war morgens. Im Frühjahr. Wenn die Sonne ganz langsam die Nacht vertrieben hat, wenn das Grau am Horizont auftauchte und das Licht messerscharfe Schatten warf. Dann hab ich da gerne auf der Bank gehockt, schwerstverdauliche Barock Lyrik gelesen und mein Schicksal beweint. Denn damals war nicht alleine, damals war ich einsam. Ich war häßlich, klein, hatte keinen Busen, dafür einen, wie ich fand, fetten Hintern. Ich hatte Pickel, trug eine Brille, für deren Auswahl ich meine Mutter noch heute erschlagen könnte ohne mit der Wimper zu zucken und war dummerweise auch noch gut in der Schule. Typ Streberin. Ich sah mich natürlich völlig anders. Ich hatte damals schon nicht eben jugendfreie Ansichten, lebte massiv meine Depressionen aus und wollte die wahre, reine Liebe finden. Meine Eltern waren zumeist unterwegs, und Freunde hatte ich kaum. Denn die, sich mit der "Streberin" anfreunden wollten, waren mir zu blöd. Sie waren harmlos, langweilig und lasen sowieso die falschen Bücher. Wenn sie denn lasen.
Also verbrachte ich sehr viel Zeit auf Friedhöfen, machte mir Gedanken darüber, wie ich die Menschheit vernichten könnte, schloß mich mit Serge Gainsbourg in mein Zimmer ein und wurde merkwürdig.
Änderte sich erst, als ich mich einen Tages dabei ertappte, wie mit einer Rasierklinge an meinem Oberarm rumfummelte, weil ich mir "Fuck you" als Statement gegen die Welt einritzen wollte. Na, weil ich Aufmerksamkeit haben wollte.
Da war ich 15 oder 16 und ich war sehr, sehr alleine, denn der einzige Mensch, mit dem ich regelmäßig sprach, war die Haushälterin. Ich ging schweigsam zu Schule, ich redete dort nur in den Unterrichtsstunden, ging schweigsam nach Hause, redete mit Frau Henneke, saß schweigsam in meinem Zimmer, saß schweigsam auf dem Friedhof, wechselte Abends mit meinem Eltern ein paar Worte und legte mich schweigsam ins Bett, wo Gedanken und Hände einen Moment der Unvergänglichkeit schafften. Das ging ein paar Jahre so, bis ich mit der Klinge da saß, und es in meinem Kopf "Klick" machte. Am nächsten Tag stand ich auf, ging schweigsam zur Schule und semmelte der blöden Kuh, die sich immer über meine Pickel lustig gemacht hatte, den Diercke Weltatlas mehrfach ins Gesicht. Ich ließ die Haare wachsen, zwang meine Mutter, mir alle auf dem Markt befindlichen Anti-Pickel Sachen zu kaufen, hörte auf in XL Hemden rumzulaufen und kaufte mir heimlich "Die Geschichte der O" und die Tagebücher von Anais Nin. Die las ich allerdings immer noch auf dem Friedhof.
Jedenfalls dauerte die Veränderung vielleicht ein halbes Jahr. Als meine Pickel weg und die Brüste sichtbar waren, wurde ich erstaunlicherweise auch von Jungs angesprochen. Ich lud sie zu mir nach Hause, warf meine erste Party (7 Gäste, DuranDuran in Endlosschleife, Eistee und Cola) war seitdem nie mehr einsam.

Bewahrt habe ich mir allerdings das Glück des Alleinseins. So wie eben, als es wundervoll still in der Wohnung war. Als die Heizung leise klickte. Als Kakao und Tee vor sich hindampften, aus dem Ausschnitt meines Badesmantels dieser Geruch hochströmte und ich den Moment küsste.

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